Der Bodensee lag an diesem Morgen ruhig und weit vor ihnen, als hätte er beschlossen, den Tag langsam beginnen zu lassen. Das Wasser war klar und glatt, nur feine Wellenlinien bewegten sich sanft im Licht. Die Sonne stand noch tief und warf lange, warme Reflexe auf die Oberfläche des Sees. Vom Ufer aus waren die Hügel des Bregenzerwaldes zu erkennen, weich und still im Morgenlicht.
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Anna und Thomas gingen langsam über den Steg im Hafen von Bregenz. Das Holz unter ihren Füssen knarrte leise, jeder Schritt klang ruhig und gleichmässig. Sie hatten keinen Zeitdruck, keinen festen Plan — nur das Gefühl, für eine Weile genau am richtigen Ort zu sein.
Thomas blieb stehen und betrachtete die Yacht.
„Das ist wirklich etwas Besonderes“, sagte er ruhig. „Sehr elegant. Genau das Richtige für heute.“
Die Yacht lag still im Wasser, weiss und glänzend, als wäre sie ein natürlicher Teil des Sees. Anna trat näher, legte die Hand auf die Reling und liess ihre Finger langsam darüber gleiten. Sie blieb einen Moment stehen, als würde sie einem Gedanken nachgehen.
„Es ist seltsam“, sagte sie nachdenklich.
„Was meinst du?“, fragte Thomas.
„Ich weiss nicht …“, antwortete sie. „Dieses Boot kommt mir vertraut vor. Als hätte ich es schon einmal gesehen.“
Thomas lächelte leicht.
„Vielleicht hast du einfach ein gutes Gefühl.“
Anna nickte, doch ihr Blick blieb ruhig und aufmerksam.
Sie stiegen an Bord. Thomas überprüfte alles sorgfältig, löste die Leinen und startete den Motor. Die Yacht setzte sich langsam in Bewegung, fast lautlos. Das Ufer von Bregenz entfernte sich, die Geräusche des Hafens wurden leiser, und bald waren nur noch das sanfte Brummen des Motors und das leise Plätschern des Wassers zu hören.
Anna stellte sich an die Reling. Eine leichte Brise bewegte ihre Haare, und sie schloss kurz die Augen.
„So fühlt sich Freiheit an“, sagte sie leise.
Thomas nickte.
„Einfach fahren und schauen, wohin der See uns bringt.“
Eine Weile fuhren sie schweigend. Das Licht auf dem Wasser veränderte sich ständig, spiegelte den Himmel und die Sonne. Die Stimmung war ruhig, warm und offen.
„Weisst du“, begann Anna nach einer Weile, „ich war vor vielen Jahren auf einer Yacht, die dieser hier sehr ähnlich war.“
Thomas schaute kurz zu ihr.
„Auch hier am Bodensee?“
„Ja“, sagte sie. „Nicht weit von hier. Es war ein Tag wie heute. Ich hatte einen kleinen Stein dabei. Er war glatt, hell und lag gut in der Hand.“
Sie lächelte sanft.
„Ich habe ein kleines Herz hineingeritzt.“
„Warum?“, fragte Thomas ruhig.
„Ich weiss es nicht mehr genau“, antwortete Anna. „Vielleicht einfach, weil es sich richtig angefühlt hat.“
Sie atmete tief ein.
„Im Inneren der Yacht habe ich den Stein fallen lassen. Im Laderaum gab es ein kleines Loch. Es war völlig sicher, nichts Gefährliches. Der Stein ist hineingerutscht, und ich konnte ihn nicht mehr erreichen.“
Thomas dachte kurz nach.
„Und jetzt hast du das Gefühl, er ist hier?“
„Ja“, sagte sie leise. „Ich kann es nicht erklären.“
Gemeinsam gingen sie nach unten. Der Innenraum war ruhig und angenehm kühl. Das Holz glänzte weich im Licht. Anna kniete sich langsam hin und leuchtete mit dem Handy in die kleine Öffnung.
„Thomas“, sagte sie leise. „Da ist wirklich etwas.“
Sie griff vorsichtig hinein und zog etwas hervor. Es war ein glatter Stein. Auf seiner Oberfläche war ein kleines Herz eingeritzt. Anna hielt ihn still in der Hand.
„Das ist er“, sagte sie ruhig.
„Genau dieser.“
Thomas betrachtete den Stein aufmerksam.
„Das ist unglaublich“, sagte er. „Als hätte er all die Zeit gewartet.“
Neben dem Stein lag noch etwas. Anna bemerkte es und zog eine alte Glasflasche hervor. Das Glas war leicht matt, und innen lag ein zusammengefaltetes Papier.
„Schau mal“, sagte sie überrascht.
„Eine Flasche?“
Vorsichtig öffneten sie sie. Anna zog das Papier heraus und breitete es auf dem Tisch aus. Es war eine handgezeichnete Karte, mit einfachen Linien und einer klaren Markierung mitten auf dem See.
„Das ist nicht weit von hier“, sagte Thomas und zeigte darauf.
„Wir sind ganz in der Nähe.“
Sie blickten nach draussen. In der Ferne blitzte etwas im Wasser auf.
„Siehst du das Glitzern?“, fragte Anna.
„Ja“, antwortete Thomas. „Lass uns hinfahren.“
Die Yacht glitt ruhig weiter. Das Licht unter der Wasseroberfläche wurde stärker, bewegte sich weich und lebendig. Die Stimmung war ruhig, fast feierlich.
„Ich fühle mich seltsam ruhig“, sagte Anna.
„Ich auch“, antwortete Thomas.
Plötzlich wackelte die Yacht leicht und kam sanft zum Stillstand. Thomas stellte den Motor ab und lachte leise.
„Wir stehen.“
Anna beugte sich über die Reling und sah ins klare Wasser.
„Eine Sandbank“, sagte sie lachend.
„Und das Glitzern … das sind nur die Sonnenstrahlen.“
Sie sahen sich an und lachten gemeinsam. Ruhig verliessen sie die Yacht, traten ins seichte Wasser und standen nebeneinander. Die Sonne wärmte ihre Haut, der See lag still um sie herum.
„Manchmal“, sagte Anna leise, „ist es genug, einfach hier zu sein.“
Thomas nickte.
„Genau hier.“
Der Bodensee blieb ruhig, und der Moment gehörte nur ihnen.
