Es war einer dieser Bodensee-Tage, an denen alles nach Urlaub aussieht: klares Licht, ein bisschen Wind, und im Hafen von Bregenz dieses leise, geschäftige Summen von Menschen, die einfach nur raus aufs Wasser wollen.
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Thomas kaufte die Tickets, während seine Frau Anna am Steg stand und dem Ausflugsschiff nachsah, das gerade anlegte. „Genau so eines“, sagte sie und lächelte. „So ähnlich bin ich früher schon einmal gefahren.“
„Wann denn?“ fragte Thomas, als sie an Bord gingen, vorbei an den Sitzreihen und dem Duft nach Sonnencreme und frischem Kaffee aus dem Bordkiosk.
Anna zögerte kurz, als würde sie überlegen, ob die Geschichte zu banal ist. „Vor Jahren. Ich war damals mit Freundinnen unterwegs. Und… ich hab dort mein altes Handy verloren. Ein richtiges Ur-Teil. Tasten, kleines Display, kaum Kamera. Ich hab’s ewig gesucht – ohne Chance.“
Thomas lachte. „Und jetzt? Willst du es noch einmal finden?“
„Nein“, sagte Anna, „aber jedes Mal, wenn ich so ein Schiff sehe, denk ich dran.“
Sie setzten sich zunächst aufs Oberdeck. Der Motor brummte, die Wellen zeichneten silberne Linien, und Bregenz wurde langsam kleiner. Anna genoss den Blick – bis ihr Blick an einer Stelle hängen blieb, weiter hinten, nahe einer Ecke beim Übergang zum Innenraum. Dort war eine kleine, dunkle Öffnung im Bodenbereich zu sehen, eher wie ein Spalt, den man sonst ignoriert.
„Warte mal“, murmelte sie.
„Was ist?“ Thomas beugte sich vor.
Anna stand auf, ging ein paar Schritte und kniete sich hin. Sie schaute genauer hin, als hätte sie diese Ecke schon einmal gesehen – nur aus einer anderen Zeit. Dann streckte sie vorsichtig die Hand aus, tastete in die Öffnung hinein und zog sie wieder zurück.
„Da ist… etwas.“
Thomas trat näher. „Du machst Witze.“
Anna schob den Arm noch einmal hinein, diesmal tiefer, als würde sie genau wissen, wohin. Sekunden später zog sie die Hand heraus – und darin lag ein kleines, verkratztes altes Handy, staubig, aber unverkennbar. Ein Modell, das heute schon fast wie ein Museumsstück wirkt.
Anna starrte darauf, als müsste sie erst beweisen, dass es wirklich echt ist. Dann lachte sie einmal kurz auf – und gleichzeitig standen ihr Tränen in den Augen.
„Das ist meins“, sagte sie leise. „Schau… da ist noch der Aufkleber. Den hab ich damals draufgeklebt.“
Thomas schüttelte ungläubig den Kopf. „Das kann nicht sein. Wie lange ist das her?“
„Bestimmt zehn Jahre“, flüsterte Anna, als hätte sie selbst Angst, dass die Zahl alles kaputtmacht.
Sie wischte den Staub mit dem Ärmel ab, drehte das Telefon in der Hand, als würde sie ein längst verlorenes Stück ihres Lebens zurückbekommen. Natürlich ging es nicht mehr an. Aber das war plötzlich egal. Es war nicht Technik, die sie da gefunden hatte – sondern eine Erinnerung, die irgendwo zwischen den Brettern und den Jahren stecken geblieben war.
Als sie wieder zu ihrem Platz zurückging, hielt Anna das Handy fest umschlossen, als könnte es sonst wieder verschwinden.
„Weißt du“, sagte sie und schaute hinaus auf das Wasser, „ich dachte immer, solche Sachen sind einfach weg. Für immer.“
Thomas legte den Arm um sie. „Offenbar nicht am Bodensee.“
Und während das Ausflugsschiff ruhig weiter über den See glitt, fühlte sich dieser Tag für Anna nicht mehr wie ein normaler Touristen-Ausflug an. Eher wie ein kleiner Beweis, dass manche Geschichten – egal wie alt – manchmal doch noch ein überraschendes Ende finden.
